Obdachlosigkeit 2: Aus Sicht einer Betroffenen Familie | Die Geschichte von Pascal

Obdachlosigkeit 2: Aus Sicht einer Betroffenen Familie | Die Geschichte von Pascal

Pascal …

Pascal war mein Großcousin, ein paar Jahre älter als ich. Seine Schwester Jeanette war in meinem Alter.

Wir trafen die Familie häufig, meine Eltern waren reisefreudig, und so besuchten wir sie häufig in Hildesheim.

Pascal war ein unscheinbarer, zurückhaltender Junge, ich spielte eigentlich lieber mit ihm. Jeanette war zwar recht nett, aber Pascal konnte Gitarre spielen. In meiner kindlichen Erinnerung sehr schön, ich konnte ihm stundenlang zuhören, und wollte dann auch nicht mit Jeanette spielen.

Trotz dieses offenkundigen Talents wurde Pascal schon früh als Loser der Familie gehandelt, der in der Schule nicht so gut war, wie die Prinzessin der Familie. Auch nicht so „hübsch“ und eben ein Junge, in den 70ger Jahren noch ein Grund für ganz andere Erziehungsmethoden.

Meine Eltern sprachen oft auf dem Heimweg über die Ungerechtigkeiten – das Mädchen wurde überall bevorzugt. Wollte Pascal, der ja auch noch jung war, etwas körperliche Nähe, wurde er barsch abgewiesen, Jeanette hingegen wurde freudig mit den Worten „meine Prinzessin“ in die Arme genommen.

Meine Mutter suchte bei diesen Besuchen oft den Kontakt zu Pascal, der kleine einsame Junge tat ihr leid – später war unser Zuhause eine wichtige Insel für Pascal.

Die Jahre vergingen, und dann erreichte uns die Nachricht, dass Pascal mit Drogen in Kontakt gekommen war – die Spirale hatte begonnen. Nach den ersten „weichen“ Drogen folgten härtere. Seine Familie hatte kein Verständnis für ihn und der Rauswurf aus der Familie war gnadenlos und mit aller Härte. 

Eines Tages stand ein zotteliger junger Mann vor unserer Tür, den wir nur mühsam als Pascal erkannten. Die Gitarre auf seinem Rücken war sein einziges Hab und Gut. Er lebte da bereits einige Jahre auf der Straße, und verdiente sich als Straßenmusiker sein mehr als bescheidenes Leben und natürlich die Drogen.

Bei uns wäre nie ein Mensch in Not abgewiesen worden. Mama steckte ihn erst mal in die Wanne, versorgte ihn mit allem, was nötig war. Doch sein Drogenkonsum war ein Problem, wir brauchten Unterstützung, als der Entzug einsetzte.

Pascal war nicht bei Sinnen und wir mussten ihn schließlich in die Klinik bringen. Die Spirale drehte sich immer schneller.

Nach dem Entzug ging er sofort wieder auf die Straße, anfangs unerreichbar. Es folgte eine Inhaftierung. Von Zeit zu Zeit kam er immer wieder zu uns: Essen, waschen, auftanken und dann trieb es ihn wieder auf die Straße. 

Eine rastlose, zerrissene, heimatlose, liebenswerte Seele. Wir taten für ihn, was wir konnten, aber er konnte nie länger bleiben, es wurde ihm schnell zu eng. Eine Antriebsfeder in seinem Leben war die Drogensucht, aber genau das war sein Todesurteil.
Wenn seine Hände nicht zu sehr zitterten, bezauberte er mit seiner Gitarre und seiner Stimme. Zu seiner „Urfamilie“ ging er nie zurück. Sie hatten ihn verstoßen und „keinen Sohn mehr“.

Einige Jahre später, wir hatten von Pascal nicht mehr gehört, erhielten wir einen formalen Amtsbrief. Man teilte uns mit, dass Pascal tot aufgefunden wurde. Er hatte unsere Adresse in seiner Tasche. 

Pascals Leben war mit 31 Jahren vorbei. 

Da liegt ein Mensch – Official Video | Obdachlosigkeit: Zeit sich umzudrehen

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Obdachlosigkeit: Da liegt ein Mensch – Songtext

Text: Andrés Balhorn
Musik: Andrés Balhorn
POWERVOICE Production

Es ist kalt, die dünne Decke hält nicht warm
Sie friert und zittert am ganzen Leib
Ein letzter Schuss noch, dann bricht die Nacht herein
Am nächsten Morgen ist ihr junges Leben vorbei

Er war Anwalt, alles lief nach Plan
Dann legte eine Depression sein Leben lahm
Jeden Freitag, strahlt er, weil es Essen gibt
Und er freitags echtes Leben in sich spürt

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Sie war Modell, groß im Geschäft
Dann hat ein Unfall sie ganz fürchterlich entstellt
Plötzlich waren alle ihre Freunde weg
Egal, am Bahndamm kostet Miete kein Geld

Wenn alles Scheiß egal ist, fließt der Alkohol
Tagein, tagaus, das ist dann ganz normal
Als ihr Kind noch lebte, trank sie niemals einen Schluck
Gestern starb sie mit einer Flasche im Arm

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Jeder trägt sein Päckchen
Das kann ich gut versteh´n
Doch was hindert dich daran, dich einmal umzudreh´n
Einfach mal die Augen – auf – ein liebes, nettes Wort
Dann wirst du uns finden, an manch unwirklichem Ort

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Hilfe-Nummern für Obdachlose

Wenn die Kälte einbricht, und du Hilfe für Obdachlose in deiner Stadt holen willst, wähle diese Nummern:

Berlin: 0178/523 5838
Hamburg: 040/401 782 15
München: 089/200 045 930
Köln: 0221/259 742 44
Frankfurt: 069/431 414
Stuttgart: 0711/ 219 547 76
Im akuten medizinischen Notfall gilt immer die 112!

Obdachlosigkeit Teil 1 und 3

Obdachlosigkeit 1: Die fünf Geschichten hinter dem Song “Da liegt ein Mensch”

Obdachlosigkeit 3: Aus Sicht einer Hilfsorganisation

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Andrés Balhorn

Owner and Founder bei POWERVOICE
Andrés Balhorn ist POWERVOICE Gründer, Vocal Coach Ausbilder, Rocksänger, Produzent und Komponist. Seit 1987 ist er als Dozent ein Vorreiter für modernen für Rock/ Pop Gesangsunterricht. Sein 1996 im GERIG Verlag erschienenes Buch POWERVOICE avancierte zum Fachbuchbestseller und ist mittlerweile in der 14. Auflage. Mit mehr als 600 gegebenen Workshops ist er einer der erfahrensten Vocal Coaches in Europa.

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