Obdachlosigkeit 3: Aus Sicht einer Hilfsorganisation

Obdachlosigkeit 3: Aus Sicht einer Hilfsorganisation

POWERVOICE möchte aufklären, aufdecken, helfen und so gibt es Songs und Musikvideos zu unterschiedlichen Themen.

Im Rahmen der Serie „OBDACHLOS – Zeit sich umzudrehen!“
habe ich Ina Zurek aus Bremen interviewt, die sich in dem Projekt „Frieda“ engagiert, einer privaten Organisation, die sich für Obdachlose einsetzt. Hier das Interview.

 

Hallo Ina, danke, dass du Zeit findest, um uns bei diesem Interview zur Verfügung zu stehen. Es geht um deine Erfahrungen in der Obdachlosenhilfe. Aber stelle dich doch mal kurz vor!

Hallo, ich bin Ina Zurek, 58, Tänzerin, Sängerin und Vocalcoach, und seit 33 Jahren mit einer Ballettschule selbstständig.

Die aktuelle Krise, die ja die gesamte Unterhaltungs- und Freizeitbranche lahmlegt, trifft uns zusehends auch, obwohl das Team sehr motiviert ist, unsere Kinder und Jugendlichen mit Onlineangeboten gesund an Leib und Seele durch diese Zeit zu bringen. Bisher halten wir gemeinsam mit den Eltern und dem Team unser Schiff noch in Fahrt.

 

Wie kamst du dazu, dich für Obdachlose zu engagieren und wo hilfst du mit?

Ich las vor ein paar Jahren in den sozialen Medien über die Aktionen einiger selbstorganisierter Teams, und da ich über den Defekt verfüge, nicht wegsehen zu können, habe ich damals Kontakt aufgenommen und mich schnell in die Gemeinschaft eingebracht. Wenn etwas einfach nicht gut ist, muss man was tun.

Ich bin Teil des Frieda-Teams in Bremen, in der Schulzeit eher organisatorisch und bei der Vorbereitung von Speisen und Getränken im Hintergrund, bei der Beschaffung von Material und Lebensmitteln. In den Schulferien bin ich auch aktiv bei der Verteilung am Freitag in Bremen am Bahnhof dabei. Durch meinen Beruf bin ich es gewohnt, große Menschenmengen zu organisieren und bei Events zu versorgen, so fällt es mir leicht, diese Erfahrungen mit ins Team einzubringen. 

Den Fahrdienst übernimmt dann eine Helferin, die alles bei mir abholt, ehe ich in meinen Unterricht gehe. Ein wunderbar eingespieltes Team, das ohne viele Worte auskommt. Eine gute Freundin bringt sich von Föhr aus ein, indem sie unsere Wishlist ständig aktualisiert.

Ich bin nur ein kleines Licht- viele Schultern tragen die Frieda, die es schon sehr lange gibt.

 

Kannst du dich noch an deinen ersten Einsatz erinnern und was du damals dachtest?

Das war ein sehr nachdenklicher Tag,- und ein sehr kalter und nasser. Ich habe diese vielen Menschen in mich aufgenommen, ihre Gesichter, ein zaghaftes Lächeln, wenn ich mit ihnen sprach. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit, durfte ich doch am Abend in mein warmes Heim zurück, unter die Dusche, mit genug Essen im Haus und der Geborgenheit eines stabilen Lebens.

Das war Grund genug, weiter dabei zu sein und dem Leben ein wenig zurück zu geben. Man wird demütig, wenn man erlebt, was andere Menschen aushalten müssen.

 

Ihr kommt ja mit einigen Obdachlosen zusammen, kannst du uns von Schicksalen berichten, die dir besonders nahe gegangen sind?

Es gibt viele Schicksale, die auch in deinem Song (Da liegt ein Mensch) mit eingeflossen sind, und auch Verluste von Menschen,- leider viel zu oft brennt bei der Verteilung eine Kerze, die einen Tod anzeigt. Im Winter war es leider jede Woche der Fall. Erfroren, einfach gegangen, Überdosis, Entzug, Krankheiten.

Einige hochgebildete Menschen findet man, die sich formvollendet für das Essen bedanken, gescheiterte, deren Haut zu dünn war für das Leben oder die einen schlechten Start hatten.

Einige, deren Schicksal man nur fassungslos und mit Anteilnahme anhört. Vieles, was sie erzählen, erarbeitet man sich durch Vertrauen und natürlich ist es eine Frage der Diskretion, auch nicht zu viel davon zu erzählen.

Aber es erfüllt mich häufig mit Zorn und Fassungslosigkeit, was sie erzählen, und die Schicksale der Frauen gehen mir noch um einiges mehr unter die Haut.

Es ist so leicht zu sagen. „Ach, die kaufen sich ja nur Drogen oder Alkohol für das Geld, was ich spende“. Ja, das tun sie auch und wer einmal miterlebt hat, was der Entzug mit Menschen macht, versteht auch sehr schnell, warum sie das tun müssen.

 

Wie sind deine Erfahrungen mit Freunden, Bekannten? Sicherlich sprichst du dieses Thema an, wie ist deren Reaktion?

Ziemlich positiv. Ich berichte in den sozialen Medien von meinem Einsatz nur dann, wenn das Team Engpässe hat, im Winter bei warmer Kleidung und Outdoormaterial, vor Feiertagen in der Beschaffung von Lebensmitteln.

Wir haben eine Wunschliste, bei Onlineversendern und auch für handfeste reale Spenden. Ich bin da die Sammelstelle, sortiere vor und lagere ein, was erst später wieder gebraucht wird.

Viele meiner Freunde bringen sich ein, mit Kleinigkeiten, oder auch größeren Gaben, je nach den eigenen Möglichkeiten.

Eine junge Frau aus Dänemark strickt aus Restwolle viele Mützen und Schals, Socken etc. Eine andere liebe Frau schickt uns regelmäßig neue Schuhe und anderes sehr wertvolles Material. Viele aus meinem Freundeskreis liefern diskret mit zu.

Tatsächlich ist mein Freundeskreis sehr aktiv und versucht nach den persönlichen Möglichkeiten zu unterstützen, auch die Familien meiner Schüler. Ganz süß war eine kleine Schülerin, die mir stolz eine Zahnbürste mit Schleife „für die armen Menschen“ überreichte, „weil man ja seine Zähne immer putzen muss“!

Es sind eben Freunde, und da tickt man schon sehr ähnlich!

 

Gibt es in eurer Organisation Menschen, die auch mal auf der Straße gelebt haben? Wenn ja, wie erlebst du sie?

Ja, auch die, die eine Rückkehr in ein normales Leben geschafft haben, gibt es, und die geben sehr viel zurück. Sie sind eine wichtige Informationsquelle, denn wirklich niemand, der nicht selbst am eigenen Leib erlebt hat, weiß wie es ist, kann sich auch nur ansatzweise vorstellen, was wirklich wichtig ist.

Sie kennen unsere Leute wirklich sehr gut, ihre Macken und Vorlieben, und die Schwierigkeiten, in denen sie stecken. 

Nicht nur der Winter ist hart auf der Straße, auch heiße Sommertage sind grausam, wenn man nicht an Wasser kommt, und sich einfach nur furchtbar gerne waschen würde.

Das hat seine ganz eigene Problematik, das war mir anfangs nicht bewusst.

 

Was braucht ein Obdachloser aus deiner Sicht am aller meisten?

Neben der Grundversorgung mit Nahrung und Kleidung vor allem einen offenen und freundlichen Umgang ohne Bewertung. Unterstützung, wenn es Möglichkeiten gibt, wieder in eine Bleibe zu kommen, Starthilfe, ein Blick für den gesundheitlichen Zustand. Ein liebes Wort.

Natürlich haben so gut wie alle ihre Päckchen zu tragen, die tiefe Spuren hinterlassen haben, mit allen uns sonderbar erscheinenden Mustern. Aber ganz klar ist: Wer nicht in den Schuhen gegangen ist, sollte lieber nicht urteilen. Wir sollten die Menschen so nehmen, wie sie vor einem stehen. Freundlich und wertschätzend.

Bei der Verteilung herrscht meistens eine fröhliche Stimmung, beim Anreichen eines Kaffees wird gelacht und geblödelt, auch innerhalb des Teams. Man sah auch schon Menschen „Jerusalema“ tanzen. 

Wir Helfer nehmen uns alle nicht so ganz dolle ernst, und so mancher auch gröberer Scherz fliegt durch die Gegend, alle packen gleichermaßen mit an, ein super Teamgeist. Keiner geht, ehe nicht der letzte Müllbeutel entsorgt ist.

 

Ich selbst habe vor ca. 30 Jahren zu Weihnachten einen Obdachlosen zu mir eingeladen. Das war eine prägende Erfahrung. Was kannst du Menschen raten, die einem Obdachlosen begegnen? Wie sollten sie sich verhalten?

So wie bei jedem anderen auch, der sichtbar in Not ist. 

Höflich sein, wenn man etwas geben möchte, fragen, was es sein darf: Tee, Kakao oder Kaffee? Auch Menschen in Notsituationen haben Vorlieben und Wünsche, und ganz bestimmt auch eine Würde.

Geld ist wichtig, gerade jetzt in der Coronazeit sind die Innenstädte menschenleer und auch Flaschensammeln ist nicht mehr wirklich drin, weil kaum Flaschen zu finden sind.

Man kann auch nett fragen, ohne in Verlegenheit zu bringen, etwa mit: „Hey, ich wollte mir gerade eine Pizza kaufen, möchtest du auch eine?“ oder „Kann ich dir was Gutes tun, hast du einen Wunsch?“

 

Nimmst du manche „Schicksale“ gedanklich mit nach Hause?

Absolut ja, ich neige dazu und es ist gut, dass ich nicht immer dabei sein kann, es würde mich belasten.  Mein Fell ist da leider auch etwas zu dünn.

Könnte jeder von uns einen Beitrag leisten, wenn ja, welche Möglichkeiten gibt es zu helfen?

Jeder kann helfen und wenn es nur ein Deo ist, das extra im Einkaufskorb liegt, eine kleine Geld- oder Sachspende bis hin zu größeren Gaben, wie kleine Zelte und Campingkocher, Schlafsäcke. 

Leider werden die Schlafplätze unserer Leute oft in Abwesenheit geräumt und sie verlieren auch das wenige, was sie haben. Einer der Gründe, warum manche nicht zu den Verteilungen kommen, ist, dass sie die Räumung befürchten. Seit geraumer Zeit fahren einige aus dem Team deswegen im Anschluss an die Verteilung noch die bekannten Schlafplätze an, um die Menschen dort ebenfalls zu versorgen.

 

Dürfen wir einen Kontakt veröffentlichen und wenn ja, was benötigt ihr besonders?

Wir sind in unserer Facebook-Gruppe erreichbar.

Die Kontakte zu den Hauptorganisatoren kann ich natürlich nicht einfach freigeben, aber man darf mich jederzeit unter meiner Whatsapp-Verbindung kontaktieren oder eben via Facebook unter meinem Namen anschreiben.
WhatsApp: +49(0)160 – 25 27 775
Ina auf Facebook

Schuhe sind ein ewiges Thema, und gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Der noble Anzugschuh ist leider auf der Straße völlig unbrauchbar.

Immer gebraucht werden alle Art von Verbrauchsgütern wie Hygieneartikel (in Reisegrößen, das Gepäck darf ja nicht zu schwer werden), Zahnbürsten, Nagelknipser und neue Unterwäsche (wir unterliegen Hygienevorschriften), Süßigkeiten aller Art, in Portionspackungen, Dosenfisch (der absolute Knaller bei uns), kleine Dosen Wurst mit Ringöffner …

Unsere Wunschliste bei Amazon gibt da guten Einblick, auch wenn man da lieber nicht bestellen möchte.

Auf Nachfrage kann man auch gerne Spenden zu mir schicken, ich bin eh die Poststelle der „Frieda“

 

Danke, liebe Ina, wir hoffen ein wenig dazu beitragen zu können, dass das Thema Obdachlosigkeit mehr Beachtung findet. ZEIT SICH UMZUDREHEN!

Da liegt ein Mensch – Official Video | Obdachlosigkeit: Zeit sich umzudrehen

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Obdachlosigkeit: Da liegt ein Mensch – Songtext

Text: Andrés Balhorn
Musik: Andrés Balhorn
POWERVOICE Production

Es ist kalt, die dünne Decke hält nicht warm
Sie friert und zittert am ganzen Leib
Ein letzter Schuss noch, dann bricht die Nacht herein
Am nächsten Morgen ist ihr junges Leben vorbei

Er war Anwalt, alles lief nach Plan
Dann legte eine Depression sein Leben lahm
Jeden Freitag, strahlt er, weil es Essen gibt
Und er freitags echtes Leben in sich spürt

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Sie war Modell, groß im Geschäft
Dann hat ein Unfall sie ganz fürchterlich entstellt
Plötzlich waren alle ihre Freunde weg
Egal, am Bahndamm kostet Miete kein Geld

Wenn alles Scheiß egal ist, fließt der Alkohol
Tagein, tagaus, das ist dann ganz normal
Als ihr Kind noch lebte, trank sie niemals einen Schluck
Gestern starb sie mit einer Flasche im Arm

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Jeder trägt sein Päckchen
Das kann ich gut versteh´n
Doch was hindert dich daran, dich einmal umzudreh´n
Einfach mal die Augen – auf – ein liebes, nettes Wort
Dann wirst du uns finden, an manch unwirklichem Ort

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Da liegt ein Mensch auf einer Bank
Und er sieht einsam aus und krank
Doch keiner weiß, warum er hier ist und seit wann
Wir geh´n vorbei und sagen nichts
Weil es bequemer für uns ist
Lass mich in Ruh, ich hab´ genug mit mir zu tun

Hilfe-Nummern für Obdachlose

Wenn du Hilfe für Obdachlose in deiner Stadt holen willst, wähle diese Nummern:

Berlin: 0178/523 5838
Hamburg: 040/401 782 15
München: 089/200 045 930
Köln: 0221/259 742 44
Frankfurt: 069/431 414
Stuttgart: 0711/ 219 547 76
Im akuten medizinischen Notfall gilt immer die 112!

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Andrés Balhorn

Owner and Founder bei POWERVOICE
Andrés Balhorn ist POWERVOICE Gründer, Vocal Coach Ausbilder, Rocksänger, Produzent und Komponist. Seit 1987 ist er als Dozent ein Vorreiter für modernen für Rock/ Pop Gesangsunterricht. Sein 1996 im GERIG Verlag erschienenes Buch POWERVOICE avancierte zum Fachbuchbestseller und ist mittlerweile in der 14. Auflage. Mit mehr als 600 gegebenen Workshops ist er einer der erfahrensten Vocal Coaches in Europa.

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