Los geht´s – Sängerausbildung in Stuttgart

Los geht´s – Sängerausbildung in Stuttgart

Start der POWERVOICE Sängerausbildung in Stuttgart

Ausbildungseinheit 1 vom 14.05. – 15.05.2016

Eine ganze Weile habe ich mit mir gerungen, ob ich diese Gesangsausbildung machen soll. Schließlich kostet sie ja ein bisschen Geld. Aber dann habe ich mir Folgendes überlegt: Selbst, wenn ich gar nichts lernen würde (eine sehr theoretische Annahme, denn bisher waren alle POWERVOICE-Workshops Quantensprünge für mich), wäre das Geld gut investiert, weil ich an mindestens 6 Wochenenden im nächsten halben Jahr aufs Beste unterhalten wäre. In punkto Unterhaltungswert kommen weder Partys und Konzerte noch Action-Urlaube da irgendwie mit.

Woran das liegt? Bei diesen Workshops treffen immer ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ihren musikalischen Vorlieben, ihrem eigenen Stil, ihren persönlichen und technischen Problemen aufeinander. Diese Menschen zu erleben und gleichzeitig zu sehen, wie sie wachsen, nicht nur technisch-künstlerisch, sondern auch persönlich, ist das Spannendste, was ich mir vorstellen kann. Die Kreativität der Coaches Andrés und Marion ist das Nächste, was mein vergnügungssüchtiges Ich auf der Plus-Liste verbucht. Die vielfältigen Interventionen, über die sie verfügen, um die Teilnehmer aus ihren Angewohnheiten und Komfortzonen rauszukegeln, sind für mich ganz großes Kino.

Als ich einem Freund von der Gesangsausbildung/Sängerausbildung erzählte, meinte er bedenklich: „Oh je, und wenn jemand dabei ist, mit dem du überhaupt nicht kannst?“ Ich kannte zu dem Zeitpunkt nur einen der 6 anderen Teilnehmer, war mir aber sicher, dass ich mit allen „kann“.  Woher diese Sicherheit? Um weiterzukommen, muss man hier echt die Hosen runterlassen. Wenn es einem darum geht, gut auszusehen, die Fassade zu wahren, hält man das nicht lange durch. Das Ganze lebt von dem gegenseitigen Vertrauen, von der Gewissheit, voneinander aufgefangen, getragen zu werden. Wir sitzen alle im selben Boot. Jeder hat seine Themen, seine Schatten.

Aber ich greife vor. Jetzt ist es erst einmal Samstag Morgen (naja, eigentlich schon fast Mittag, aber meine kreativen Persönlichkeitsanteile sind noch nicht wirklich wach).

Samstag, 14.05 – Tag 1 Sängerausbildung

Wir sind noch nicht komplett, und so spielen wir zur Überbrückung ein wenig Killerkaraoke. Zu Anfang meiner Schüler-Laufbahn hab ich das gehasst: Man bekommt einen Song zum Mitsingen, den man garantiert nicht kennt. Parallel zum Playback läuft der Text über den Monitor, aber Melodie, Stil etc. darf man spontan improvisieren. Mittlerweile finde ich sowas ausgesprochen unterhaltsam. Da erwacht dann zunächst mal der Spieltrieb in mir und zum Schluss ist auch der Rest bis in den kleinen Zeh hinein hellwach.

Wir starten nun offiziell, auch wenn unsere Gruppe noch nicht vollständig ist. Zwei Teilnehmerinnen können erst am Samstag Abend zu uns stoßen. Dafür haben wir für die ersten Stunden einen Gast, einen jungen Sänger aus Stuttgart, den Andrés im Proberaumzentrum kennengelernt hat, in dem unsere Gesangsausbildung stattfindet. Sein Name ist etwas schwierig auszusprechen – und Andrés tauft ihn spontan „Shrek“:-)

Songvorstellung von "Shrek"

Songvorstellung von „Shrek“

Vortsellungsrunde

Vortsellungsrunde

Der größere Teil der Gruppe hat schon einige POWERVOICE-Erfahrung und kann sich gelassen auf Meister Andrés, seinen schrägen Humor und seine Neigung, liebevolle Kosenamen zu verteilen, freuen. Zwei junge Frauen sind jedoch ganz neu in dieser Welt, und als ich Caroline und Steffi, ihre Nervosität und ihre Selbstzweifel (trotz ihrer großartigen Stimmen) so sehe und wahrnehme, fühle ich mich zurückversetzt in die Zeit meines ersten Workshops. Da wäre ich nach meinen ersten vier Liedzeilen auf der Bühne am liebsten weggerannt und gar nicht wiedergekommen. Ich weiß, wie viel Mut und Vertrauen es braucht, sich auf dieses Experiment einzulassen. Am liebsten würde ich meine Erfahrungen irgendwie telepathisch in ihre Köpfe transferieren, um ihnen zu vermitteln: Ihr seid in Sicherheit. Ihr könnt es wagen. Aber sie merken das auch so recht bald.

Es wird ernst: Jeder darf einen Song – den, mit dem er sich am sichersten fühlt – singen und wird auf Video aufgenommen. Nach jedem Song müssen wir einander Feedback geben – und lernen dabei schon mächtig was. Nicht nur, wie wir das, was wir gehört, gesehen, empfunden haben, in konkrete Worte fassen, mit denen der/die Interpret/in auch etwas anfangen kann. Sondern auch, dass jeder Redebeitrag quasi schon eine Bühne im Kleinen ist. Dass das „sei spannend“ nicht nur für den Auftritt gilt, sondern auch für jeden Moment des Alltags. Wenn du etwas zu sagen hast, dann zeige das auch, indem du präsent bist. Durch deine Stimme, deine Mimik, deine Körpersprache.

Videoanalyse

Videoanalyse

Songvorstellung

Songvorstellung

Von nun an jagt ein Aha-Erlebnis das nächste. In den Videoaufnahmen sehen und hören wir plötzlich Dinge, die uns live völlig entgangen sind. Und Andrés’ Kommentare öffnen uns noch einmal mehr Augen und Ohren. Wir sind völlig baff, dass unsere Wahrnehmung ein und desselben Songs plötzlich so anders sein kann.

Besonders bei Shrek, dem charmanten jungen Mann, der eine eigene Ballade im Xavier-Naidoo-Stil zum Besten gibt. Man ist allgemein überwältigt von der gefühlvollen Stimme – und bemerkt erst beim kommentierten Hören der Aufnahme, dass der Gesang völlig spannungslos ist und die Intonation entsprechend unsauber, die Töne immer einen Tick zu tief sind. Andrés stoppt die Aufnahme alle paar Takte, um unbarmherzig auf sämtliche Schwächen hinzuweisen. Ich merke wie Caroline neben mir in ihrem Stuhl immer kleiner wird und höre förmlich, wie sie denkt: „Wie wird es erst mir ergehen“. Shrek steckt die erbarmungslose Kritik tapfer ein. Andrés erklärt auch, warum er das macht: „Von all deinen Freunden hörst du nur, wie toll deine Stimme ist. Aber auf diese Weise kommst du nicht weiter. Wenn du nach oben willst, dich aus der Masse hervorheben willst, musst du an deinen Schwächen arbeiten.“

Der nächste Schritt zeigt dann auch eindrucksvoll, wie. Shrek darf als erster aufs Balance Board hüpfen und seinen Song noch einmal singen. Plötzlich ist die Spannung da, die vorher gefehlt hat – erzeugt allein durch die Notwendigkeit, den Körper im Gleichgewicht zu halten. Plötzlich sind die Töne sauber, klarer, haben viel mehr Grip, ohne dass der Song seinen Charakter verliert. Auch ein kleines verlegenes Lächeln angesichts des eigenen unbeholfenen Gewackels tut dem Ganzen keinen Abbruch, im Gegenteil. Später bekommt Andrés eine E-Mail von Shrek, in der er seine Dankbarkeit für die Analyse und die Tipps bekundet: Seitdem er keine Straßenmusik mehr macht, fehlt ihm etwas, und er wusste nicht, was. Jetzt weiß er es: Spannung!

Wir müssen alle mitsamt unseren Songs aufs Balance Board und die Erkenntnis ist jedes Mal so einfach wie frappierend: Die Spannung hilft uns, klare, kernige Töne zu produzieren, wir müssen weniger Kraft aufwenden und können mit einem Mal mit den Tönen spielen, auch leisere und zartere anschlagen.

Caroline auf dem Balance Board

Caroline auf dem Balance Board

"Shrek" unser Kamerakind

„Shrek“ unser Kamerakind

Nach dieser Session verabschiedet sich Shrek – und ich bin gar nicht mal so böse, dass ich künftig kein Mannheimer-Schule-Gedöns mehr hören muss (hatte ich oben behauptet, ich fände die stilistische Vielfalt in den Ausbildungsgruppen reizvoll?) Aber mit dieser Meinung bin ich wahrscheinlich nicht repräsentativ für unsere Gruppe …

Anschließend geht es tatsächlich auf die Bühne, und wir proben unsere Songs für die Open Stage am Abend. Mittlerweile sind auch Janina und Celina angekommen und haben das Vergnügen, ihre Mitstreiter für das bevorstehende halbe Jahr gleich live und in action kennenzulernen. Auch als Andrés und Marion mal eine wohlverdiente Pause einlegen, üben wir Auszubildenden weiter. Mein persönliches Highlight des ersten Wochenendes ist der Moment, als sich Matthias und Steffi spontan entscheiden, „Marvin Gaye“ als Duett einzustudieren. Gecoacht von Petra, die nun an den Reglern sitzt und immer mal wieder die Meinung der Gruppe einholt, wenn es darum geht, wo Mehrstimmigkeit gut passt oder die Stimmen besser solo zur Geltung kommen.

Caroline auf der Bühne

Caroline auf der Bühne

Matthias mit "All Of Me"

Matthias mit „All Of Me“

Matthias merkt man an, wie viel Spaß er auf der Bühne hat, und es ist klasse zu sehen, wie er versucht, seine Partnerin aus ihrer angestrengten Konzentration zu locken. Für Steffi, die schon viel Erfahrung im Musical-Bereich hat, ist es ganz ungewohnt, ohne genaue Regie-Vorgaben im Rampenlicht zu stehen, einen Song nicht perfekt zu können und trotzdem sich und den Moment zu genießen.

Bei der Open Stage haben wir nicht viele Gäste, aber das finde ich ganz angenehm, so können wir uns ohne großen Druck ein bisschen ausprobieren und austoben. Relativ früh ist am Samstag schon Schluss, so dass genügend Zeit bleibt, sich auszuschlafen und die vielen Eindrücke zu verdauen.

Hier findest du die nächste Open Stage in Stuttgart, komm vorbei, wir freuen uns!
Hier findest du alle Open Stage Termine im Überblick

Open Stage Time

Caroline

Caroline

Meine Wenigkeit "Fenja"

Meine Wenigkeit „Fenja“

Celina unsere "kleine Björk"

Celina unsere „kleine Björk“

Matthias und Steffi im Duett

Matthias und Steffi im Duett

Sonntag, 15.05.2016, Tag 2 der Sängerausbildung

Trotzdem bin ich am Sonntag müde und etwas niedergeschlagen. Ich freu mich auf ein wenig Action und denke, Killerkaraoke, Balance Board oder sonstiger Frühsport werden mich schon in Gang bringen. Stattdessen aber steht Theorie auf dem Programm. Marion erklärt uns, wie wir uns einen neuen Song erarbeiten, welche Fallstricke bei der Interpretation lauern und wie wichtig die Atemstriche sind.

Derart gewappnet, müssen wir uns in Dreiergruppen einen Song erarbeiten. Ich hadere mit der Tatsache, dass ich nicht in der „Let’s have a party“-Gruppe bin. Das hätte ja vielleicht meinen Kreislauf in Schwung bringen können. Stattdessen das weinerliche „Say something“, auf das ich nicht die geringste Lust habe. Ich habe ganz schön mit meinen Widerständen zu kämpfen, falle in Verhaltensweisen, von denen ich gehofft hatte, dass sie längst der Vergangenheit angehören, und bin irgendwann nur noch körperlich anwesend. Dauernd die Zeile „I’m feeling so small“ singen zu müssen, macht die Sache nicht besser.

Songarbeit zu "Say Something"

Songarbeit zu „Say Something“

Songarbeit "Let´s Have A Party"

Songarbeit „Let´s Have A Party“

Ich bin froh, dass Celina die Erste aus unserer Gruppe ist, die mit dem Song auf die Bühne geht. Und obwohl Caroline und ich mit ihr jetzt lange Zeit geübt haben, erleben wir eine Überraschung. Ihr Vortrag geht so derartig unter die Haut, dass alle im Raum ein bisschen um Fassung ringen. Plötzlich ist auch für mich der Song nicht nur eine nervige Übung, sondern hat eine Bedeutung bekommen. Als ich an der Reihe bin, kann ich das Publikum nicht ansehen, am wenigsten Celina, aus Angst, dass die Erinnerung an diese starke Emotion mich einfach weghaut.

Vor „Say something“ gibt es aber noch eine Lektion in punkto „Spaß haben“. Auch wenn der Song „Let’s have a party“ als simpler Party-Hit daher kommt, ist er doch alles andere als einfach zu singen: Text, Rhythmik, die Blue Notes – in der kurzen Zeit kann man das gar nicht alles auf die Reihe kriegen. Das ist aber Janina egal, sie tanzt und hat Spaß auf der Bühne … und das wirkt so derart ansteckend, dass es völlig gleichgültig ist, dass sie manchmal kompletten Unsinn singt. Andrés hat es uns ja schon einige Male eingetrichtert, aber nach Janinas Show haben es wohl alle endgültig begriffen: Du musst selbst auf der Bühne Spaß haben, damit dein Publikum Spaß hat.

Analyse der Bühnenperformance

Analyse der Bühnenperformance

Die für Lacher sorgt

Die für Lacher sorgt

Als sich das erste Wochenende der Gesangsausbildung dem Ende zu neigt, sind sich alle einig: „Wir sind eine tolle Truppe“. Ja, das sind wir. Weil wir es alle ernst meinen. Weil wir alle tief empfinden, unsere eigenen Themen genauso wie das, was unsere Mitstreiter/innen bewegt und was sie in ihren Songs transportieren. Weil wir alle an uns selbst arbeiten und die anderen bei dieser Arbeit unterstützen wollen.

Wir snappen für euch! Hier ist unsere erste Snapchat-Story: Gesangsausbildung Stuttgart

Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber ich habe das Gefühl, hier mindestens eben so viel fürs Leben gelernt zu haben wie fürs Singen:

  • Willst du, dass deine Situation so bleibt, wie sie ist, oder willst du etwas verändern?
  • Triff Entscheidungen – und zieh sie dann durch.
  • Wenn du über dich selbst lachen kannst, machst du dich unangreifbar.
  • Sei spannend – dein Publikum hat es verdient, genauso wie deine Gesprächspartner.

Okay, dieser Beitrag war der reinste Lückentext, es gäbe noch so viel mehr vom ersten Wochenende zu berichten und verborgene Weisheiten zu entdecken. Aber Ihr habt vermutlich auch noch was anderes vor, deswegen verabschiede ich mich für heute und freu mich, wenn Ihr im Juni wieder mitlest.

Eure Fenja

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Anne-Katrin Hillebrand

Hallo, ich bin Fenja und seit Mai 2016 Sängerin in Ausbildung bei POWERVOICE. Will man meiner Mutter glauben, war "Krach" mein allererstes Wort, und dementsprechend bin ich musikalisch im Industrial/Noise zuhause. In dieser Szene habe ich einige Jahre als DJ aufgelegt und als Frontfrau eines Projektes meine Texte ins Mikro gebrüllt. Da mich Vorhersehbarkeit langweilt, habe ich parallel noch klassischen Gesangsunterricht genommen, war Sängerin einer Dark-Rock-Band und bin schließlich bei POWERVOICE gelandet. Hoffentlich lerne ich hier nun endlich das Singen 😉 Da ich gern schreibe und blogge, hat man mich als Chronistin auserkoren, und ich hoffe, Ihr habt Spaß an meinen Impressionen von unserer Ausbildung.

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