Sängerausbildung in Stuttgart – Teil 4 – August 2016

Sängerausbildung in Stuttgart – Teil 4 – August 2016

POWERVOICE Sängerausbildung in Stuttgart

Ausbildungseinheit 4 vom 13. – 14.08.2016

Oh weh! Marion klopft an und fragt, wo denn der Blogbeitrag zur 4. Ausbildungseinheit bleibt. Am kommenden Wochenende steht ja schon der 5. Teil an!!

Es ist ja nicht so, dass das letzte Wochenende denkwürdige Höhepunkte vermissen ließ, ganz im Gegenteil. Aber die Autorin ist diesmal so sehr mit ihren Hausaufgaben beschäftigt, dass sie gar nicht zum Bloggen kommt  … Es wurden nämlich Stimmen laut, ich möge mich doch mal mehr dem „Mainstream“ widmen. Dem Publikum der Open Stage zuliebe und überhaupt. Also bin ich gleich am Sonntag Abend an den Rechner geeilt und hab die Top 20 der letzten (jährlichen) SWR1 Hitparade nachgeschlagen. Mehr Mainstream geht ja wohl nicht. Okay, Bohemian Rhapsody und Child in Time sind mir dann doch etwas zu herausfordernd. Aber schon auf Platz 13 finde ich meinen nächsten „Mainstream“-Song: „Carpet Crawlers“ von Genesis. Auch nicht gerade einfach, aber machbar.

Eine zweite „Lehre“, die ich aus dem letzten Wochenende der Gesangsausbildung mitgenommen habe: ohne eine gründliche Songinterpretation brauch ich gar nicht erst auf die Bühne zu steigen. Der aufmerksame Leser wird einwenden, dass ich das schon in meinem letzten Blog  als zentrale Erkenntnis verkauft habe. Gut aufgepasst – und es ist mir schon etwas peinlich, dass ich ein zweites Mal mit einem „nicht zu Ende gedachten“ Song angetreten bin und 5 Minuten vor Beginn der Open Stage auf der Toilette noch schnell meine Interpretation von Bowies „Ashes to Ashes“ ausgearbeitet habe.

Diesmal bin ich früher dran. Und das ist auch gut so, denn „Carpet Crawlers“ beschäftigt einen schon eine geraume Weile. Bald bin ich knietief in alchimistischen Symbolen, biblischen Gleichnissen und modernen Mythen versunken. Dann ist der Song bekanntlich Teil des Konzeptalbums „The Lamb Lies Down on Broadway“. Also schau ich mir auch die schemenhafte Videoaufnahmen von der Uraufführung dieses Werks mit dem großartigen Peter Gabriel im Jahr 1974 an, versuche die – ziemlich surreale – Handlung nachzuvollziehen und zu deuten. Es geht um Wahrnehmung, Realität, Erkenntnistheorie, es geht auch um unsere Prägung von Geburt an, um die Frage, ob man die gesellschaftlich vorgegebenen Möglichkeiten transzendieren, sie verwandeln kann.

Ähja. Das sieht mir ja wieder mal ähnlich. Und wie bitte schön soll man das alles in fünfeinhalb Minuten auf der Bühne rüberbringen? Da darf man also auf den nächsten Blogbeitrag gespannt sein. Und ich reiße mich jetzt von meinem aktuellen Lieblingsthema los, um Euch was vom letzten Ausbildungswochenende zu berichten.

It Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing

Die dafür vorzubereitenden Hausaufgaben waren auch nicht gerade trivial. So stand ein Swing-Song auf dem Programm, und ich habe mich an „All of Me“, einem Standard in der Interpretation von Ella Fitzgerald, versucht. Da hatte ich dann also meine erste Begegnung mit der Technik des Scat-Gesangs, den spontan und in halsbrecherischer Geschwindigkeit improvisierten lautmalerischen Silbenfolgen, die keinerlei Sinn transportieren. Beim Üben hatte ich zwar jede Menge Spaß, aber muss dann am Ende erschöpft eingestehen, dass für Scat vermutlich noch einmal eine eigene Ausbildung notwendig wäre.

Caroline hat sich „Dream a Little Dream of Me“ vorgenommen, und auch wenn dieser Song vordergründig wie ein Schlaflied daher kommt, findet ihre einschläfernde Interpretation keine Zustimmung beim kritischen Publikum. Wir dürfen uns eine Rolle für Caro ausdenken, und sie verdreht uns schließlich allen den Kopf als durchgeknallte Ballerina , die ihren Mitinsassen im Irrenhaus ein Wiegenlied vorsingt. Schlafen mag danach dann keiner mehr!

Caro verdreht uns den Kopf ...

Caro verdreht uns den Kopf …

mit "Dream a little Dream of me"

mit „Dream a little Dream of me“

Steffi ringt bei „A Night Like This“ mit dem Text und ist so mit Ablesen beschäftigt, dass ihre Stimme beinah verschwindet. Andrés verordnet ihr, den Song mal irgendwie „ausländisch“ zu singen, und sie überrascht uns mit einer perfekten und ausdrucksvollen Interpretation in einer bis dato unbekannten Sprache (die Einordnungsversuche rangieren von „sibirischer Dialekt“ bis „hebräisch mit afghanischem Akzent“). Und aus dem zaghaften Stimmchen wird der volltönende  Gesang einer echten Diva. Das Spannendste daran: das Experiment ist wiederholbar und jedesmal äußerst überzeugend: die Zuhörerschaft bei unserer Open Stage glaubt am Abend tatsächlich, dass Steffi den Song in einer fremden Sprache auswendig gelernt habe.

Matthias perfektioniert noch mit „Feeling Good“ seinen Hüftschwung und sein Womanizer-Image – und dann stößt am Nachmittag endlich Petra zu uns, die außer ihrer ansteckenden guten Laune auch ihre 17-jährige Tochter Kathi mitgebracht hat. Die darf uns diesmal zuschauen und bereichert unsere Ausbildungseinheit durch eine erfrischende Außenperspektive. Andrés bezieht sie bei allen Feedbackrunden zentral mit ein und ist sichtlich beeindruckt von ihren einfühlsamen und differenzierten Beobachtungen. Man kann es förmlich hinter seiner Stirn lesen: „da versuche ich diesem Haufen in mühevoller Kleinarbeit das Beobachten und Feedbackgeben beizubringen – und dann kommt dieses Mädel und kann das aus dem Stand“. Kathi ist überdies ein angenehmer Ruhepol inmitten unserer Gruppe, wenn die überkandidelten Faxen und albernen Sprüche überhandzunehmen drohen. Am Ende sind wir uns einig: am liebsten hätten wir Kathi auch bei den beiden letzten Wochenenden dabei.

Matthias macht den Anfang ...

Matthias macht den Anfang …

und performt seinen Song.

und performt seinen Song.

Dancing on the Ceiling

Der Abend naht. Diesmal sind richtig viele Gäste zu unserer Open Stage gekommen, die dann zu einem Höhepunkt unserer gesamten bisherigen Ausbildung wird. Auf und vor der Bühne tobt förmlich die gute Laune (ich hab meine schwermütigen Balladen auch wie versprochen zuhause gelassen), es wird getanzt bis zum Umfallen. Steffi hat ihre Textunsicherheit wunderbarerweise völlig vergessen und schlägt die Zuhörer (auf deutsch, englisch und pseudorussisch) souverän in ihren Bahn, Petra verbreitet grandiose Partystimmung und bezieht das Publikum mit ein und Matthias – ach ja, Matthias – befördert die Damenwelt mit jedem Song ein Stück weiter in den Sternenhimmel … 😉 Bei „Cotton Eye Joe“, dem Duett von Steffi und Matthias hält es schließlich niemanden mehr auf den Sitzen …

Außerdem haben wir diesmal auch eindrucksvolle Gastbeiträge: von And:i, der seine nachdenklichen Lieder in der Singer-Songwriter-Tradition auf der Gitarre begleitet, von Kit, die mit ihrer gewaltigen Rockstimme die Zuhörer überrascht und fesselt, und von Anke, die mit ihrer Interpretation auch scheinbar abgenudelten Klassikern wie „I Don’t Like Mondays“ eine ungeheure Intensität verleiht.

Matthias und Steffi mit "Cotton Eye Joe"

Matthias und Steffi mit „Cotton Eye Joe“

Tom ist zu Besuch und performt "Happy"

Tom ist zu Besuch und performt „Happy“

And:i hat eigene Songs im Gepäck

And:i hat eigene Songs im Gepäck

Anke mit "I don´t like Mondays"

Anke mit „I don´t like Mondays“

We Got Rhythm

Am nächsten Morgen, als die obligatorische Rückschau auf den Abend ansteht, gibt es richtig viel zu besprechen:  Was kam beim Publikum besonders gut an und aus welchen Gründen, was macht eine Sängerpersönlichkeit aus und warum ist manchmal die Publikumsansprache und der Spaßfaktor einfach wichtiger als die gesangliche Qualität …

Danach steht dann wieder einmal Rhythmik auf dem Programm. Wir dürfen uns mit der Rhythmuspyramide verlustieren, entwickeln komplexe rhythmische Muster, die es dann gemeinsam zu klatschen gilt. Und schließlich verfeinern wir – ausgestattet mit Schlagwerk und Schellenkränzen – Songs aus der Konserve, bis auch aus respektablen Rock-Klassikern die reinste Guggenmusik wird.

Rhytmusübungen

Rhytmusübungen

Rhytmusübungen

Rhytmusübungen

A Night Like This

Kopf, Ohren und Hände sind am Ende ordentlich müde. Zur Belohnung und als Abschluss gibt es dann noch einmal eine Mini-Rockoper alsAufgabe. Jeder von uns vieren hat zwei Songs und diese acht gilt es dann zu einer Handlung zusammenzusetzen. Bei so einer Gelegenheit fällt jedesmal auf, dass ca. 90% aller Songs von der Liebe handeln. Aber auf eine Schnulze hat diesmal niemand Lust, schon gar nicht Matthias, der als einziger Mann schon bei der letzten Rockoper (siehe Teil 2) unfreiwillig in den Fokus geriet. Eine Casting-Show ist da ein netter Ausweg, verlangt aber bei so kleiner Besetzung von allen viel Flexibilität: Bei DSMS

(„Deutschland sucht den Mega-Star“) ist im fliegenden Wechsel immer einer Kandidat, die restlichen drei die Jury. Atempausen gibt es lediglich, wenn Matthias am Keyboard kleine Werbeeinblendungen etwa der Firma Bärenmarke improvisiert. (Seht und hört ihr im Video – am Ende des Blogs)

Während Mandy aus Potsdam zusehends dem Alkohol verfällt, Christiane optisch und akustisch Fragenzeichen hinterlässt, der Gigolo den weiblichen Teil der Jury entzweit, zieht Ludovica glamorös an allen anderen Kandidaten vorbei, bezaubert sowohl durch ihre Reize als auch durch ein Traditional aus ihrer Heimat (übersetzt heißt der Titel ungefähr soviel wie „A Night Like This“) und ein mit charmantem russischen Akzent vorgetragenes Marilyn-Monroe-Cover („I Wanna Be Loved by You“). Sie darf schließlich mit ins Boot-Camp nach Mauritius.

Nicht nur der Tontechniker von DSMS (Andrés am Mischpult) ist sichtlich froh, als das grausame Spiel vorbei ist. Azubis und Coaches freuen sich  gleichermaßen auf den Feierabend. Während Petra mit ihrer Tochter wieder Richtung Heimat düst, genießen Steffi, Matthias und ich noch die letzten Sonnenstrahlen des Sommerwochenendes im Biergarten und feiern noch ein bisschen: uns und das großartige Wochenende!

Voller Körpereinsatz um die Jury zu überzeugen

Voller Körpereinsatz um die Jury zu überzeugen

Prinz Charming - Matthias

Prinz Charming – Matthias

Snapchat-Story: Gesangsausbildung Stuttgart – Teil 4

You And The Night And The Music

Nein, heute gibt’s zum Schluss keine Quintessenz, sondern ein paar von den Fragen, die mich in der Nacht nach der Open Stage trotz gründlicher Erschöpfung nicht schlafen ließen. Vielleicht sind sie auch für Euch interessant:

  • Wo ich musikalisch hin will, gesanglich und soundtechnisch, das weiß ich ja schon so ungefähr. Aber wie sieht es mit dem Bild aus, das ich auf der Bühne vermitteln will? Wer bin ich, wie wirke ich, was ist mein Stil? Welche Sänger/innen sind da meine Vorbilder?
  • Was passiert, wenn ich Angst habe? Angst, etwas nicht zu können, mich zu blamieren, die letzte in der Gruppe zu sein?
  • Welchen Stellenwert haben das Singen, die Musik in meinem Leben, was bedeuten sie mir? Und wie sieht es mit dem Raum und der Zeit aus, die ich ihnen widme? Entsprechen sie diesem Stellenwert?
  • Und wenn es da so ein kleines Sabotage-Teufelchen gibt, das mich immer wieder daran hindert, beim Singen erfolgreich zu sein und vorwärts zu kommen : wo kommt es her und welche Glaubenssätze über mich hat es evtl. im Gepäck?

Bis bald,

eure Fenja

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Anne-Katrin Hillebrand

Hallo, ich bin Fenja und seit Mai 2016 Sängerin in Ausbildung bei POWERVOICE. Will man meiner Mutter glauben, war "Krach" mein allererstes Wort, und dementsprechend bin ich musikalisch im Industrial/Noise zuhause. In dieser Szene habe ich einige Jahre als DJ aufgelegt und als Frontfrau eines Projektes meine Texte ins Mikro gebrüllt. Da mich Vorhersehbarkeit langweilt, habe ich parallel noch klassischen Gesangsunterricht genommen, war Sängerin einer Dark-Rock-Band und bin schließlich bei POWERVOICE gelandet. Hoffentlich lerne ich hier nun endlich das Singen 😉 Da ich gern schreibe und blogge, hat man mich als Chronistin auserkoren, und ich hoffe, Ihr habt Spaß an meinen Impressionen von unserer Ausbildung.

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