Sängerausbildung in Stuttgart – Teil 3 – Juli 2016

Sängerausbildung in Stuttgart – Teil 3 – Juli 2016

POWERVOICE Sängerausbildung in Stuttgart

Ausbildungseinheit 3 vom 09.07. – 10.07.2016

Ein Schock zu Beginn der 3. Einheit zur Sängerausbildung: Wir sind nur zu dritt. Krankheit und Urlaub haben unsere Reihen dezimiert. Und die Drei, die da sind, behaupten auch noch, „üüüberhaupt nicht vorbereitet“ zu sein. (Wir lernen im weiteren Verlauf, dieser Behauptung zu misstrauen … ). Halb vermissen Petra, Caroline und ich den Rest der Bande, halb fürchten wir uns davor, an diesem Wochenende so richtig intensiv in die Mangel genommen zu werden.

Doch nun ist erstmal die Rubrik „Was bisher geschah“ an der Reihe. Wir berichten von unserer Arbeit an den Songs; diesmal standen Country (als Genre) und Queen (als Band) im Hausaufgabenheft. Andrés erläutert noch einmal, was er mit diesen Hausaufgaben bezweckt: Viele Sänger meinen, schnell ihre eigene Stimme finden zu müssen. Er aber ist der Ansicht, dass man möglichst viel verschiedene Stimmen und Genres kopieren sollte. Die meisten Sänger, die sich an ein Cover machen, hören sich den Song gar nicht richtig an, geschweige denn, dass sie die Feinheiten des Originals gründlich studieren.

Anfangs habe ich ja auch gestöhnt („Country?! Ich und ein Country-Song?!!!“), aber mittlerweile machen mir diese Aufgaben einen Riesenspaß. Stimmlich ist meist irgendeine Herausforderung damit verbunden, vor der ich mich bisher erfolgreich gedrückt habe. Und außerdem entdecke ich auch in diesen für mich „abwegigen“ Genres kleine Perlen. Bei Country etwa wunderschöne Frauenstimmen. Vergeblich hab ich nach diesem nervig-quäkigen Country-Sound gesucht. Andrés erklärt mir, dass die Vorstellung die man von einem bestimmten Sound hat, manchmal gar nicht mit der Realität übereinstimmt. Elvis hat beispielsweise nie in dieser aufgesetzt-schwülstigen Weise gesungen, wie es die Legion der Elvis-Imitatoren tut. Die Entdeckungsreise darf also weitergehen …

Wer hart arbeitet darf auch ...

Wer hart arbeitet darf auch …

… lecker (viel) essen ;)

… lecker (viel) essen 😉

Caro und Petra haben in den letzten Wochen gemachte Aufnahmen mitgebracht, die wir nun kritisch unter die Lupe nehmen. Petra hat beispielsweise die zweite Stimme von „Say Something“ eingesungen, weil sie die schöner findet als die erste. Und schon sind wir wieder mitten in der Diskussion über Hörgewohnheiten, persönliche Vorlieben, den eigenen Anspruch und die Notwendigkeit, den Publikumsgeschmack zu bedienen.

Mysterien der Mehrstimmigkeit

Da Mehrstimmigkeit ohnehin auf dem Programm für dieses Wochenende steht, werden Caro und Petra zum „Say Something“-Duett an die Mikrofone geschickt. Ich darf mich aufs Sofa flegeln (jaha, wir haben ein „Neues“, das ist momentan noch weniger Rock´n´Roll like, da weniger abgewetzt) und mich dem Kunstgenuss hingeben. Und natürlich Caros Sprüche genießen, etwa wenn sie Petra erklärt, wie der Karaoke-Text auf dem Monitor funktioniert: „Wir sind rosa, wenn wir anfangen müssen“.  Die beiden sind überhaupt ziemlich rosa in meinen Augen, je besser der Song gelingt, desto glücklicher strahlen sie sich an, und in Unkenntnis des Songtextes könnte man das Ganze für ein wunderschönes Liebeslied halten.

Andrés versucht uns klarzumachen, dass zur Mehrstimmigkeit immer auch Mut gehört (sofern man noch nicht sicher auf diesem Gebiet ist). Denn wenn man unsicher ist, singt man ohne Kern und trifft unter Umständen den Ton nicht richtig. Auf seine Frage, was passiert, wenn man zu vorsichtig ist, entgegnet Caro indes wie aus der Pistole geschossen: „Man verpasst das Beste!“ Und diese weisen Worte könnte man ja getrost in Brandmalerei auf Eichenholz verewigen und als Motto über die ganze Singerei tackern.

Petra und Caro im Duett

Petra und Caro im Duett

Andrés erklärt und Musiktheorie

Andrés erklärt und Musiktheorie

Das war allerdings nur das Vorgeplänkel, wir werden nun nach allen Regeln der Kunst in die Mysterien der Mehrstimmigkeit eingeweiht. Zu einer vorgegebenen Melodie entwickeln wir eine zweite und dritte Stimme und dürfen die natürlich auch praktisch erproben. Kadenz, Tonika, Subdominante und Dominante, parallele Molltonart, Intervalle bis hin zum Tritonus, dem Teufelsintervall, fliegen uns nur so um die Ohren – bis wir erschöpft in den Seilen hängen und anfangen, uns auf unsere Queen Songs zu freuen.

Königsdisziplin

Was sich als Fehler erweist, denn jetzt wird es erst richtig anstrengend. Dass die Songs von Queen anspruchsvoll sind, war uns schon bewusst, aber die Komplexität der Kompositionen und die stimmliche Bandbreite von Freddy Mercury erkennen wir erst so richtig bei der intensiven Arbeit an den Songs.

Zugegeben, ich habe ein bisschen geschummelt und mir „Under pressure“, das Duett von Freddy und David Bowie rausgesucht. Ein absolutes Lieblingslied seit 25 Jahren – trotzdem musste ich tagelang erbittert üben, bis alles einigermaßen saß, die beiden unterschiedlichen Stimmen, die scat-ähnlichen Passagen von Freddy und die Sirenengeräusche. Und hab darüber ganz vergessen, mich mit der Message zu befassen. Was mein Publikum dann am Samstag etwas ratlos zurücklässt. Dass man einen Song 25 Jahre lang immer wieder hört, heißt also noch nicht automatisch, dass man weiß, was er bedeutet bzw. dass man die Message transportieren kann.

Wir nehmen also die Botschaft des Songs auseinander, und ich darf die drei Teile, die ich identifiziert habe („Menschen unter Druck“ – „Liebe ist die Antwort“ – Spaß mit den dadaistischen Nonsense-Silben), jeweils einer meiner Zuhörerinnen zuordnen und diese dann beim Singen direkt ansprechen. Mit erstaunlichem Ergebnis – die Aussage gewinnt an Klarheit bzw. man merkt als Interpretin plötzlich sehr genau, wo einem selbst nicht wirklich klar ist, was man sagen will.

Petra kämpft bei „The show must go on“ vor allem mit Freddys Stimmumfang. Die hohen Töne leicht und trotzdem kernig zu produzieren, erfordert einiges an Technik, die Petra sich in kleinschrittigen Übungen erarbeiten muss. Andrés erklärt ihr geduldig die Aufgaben, während Caro am Keyboard den Ton angibt und Marion mit vollem Körpereinsatz Petras Haltung korrigiert. Ich sitze natürlich wieder auf dem Sofa und genieße das Spektakel. Die (superschlanke) Petra beklagt lauthals, dass man ihren „Wanst“ sieht,  aber Marion versichert ihr glaubhaft, dass Andrés diesen Anblick auch ohne therapeutische Hilfe seelisch verarbeiten kann. Was unser Vocalcoach nicht alles für uns auf sich nimmt … 😉

Caro überprüft Petras Einatmung

Caro überprüft Petras Einatmung

Was für ein "Wanst" :-)

Was für ein „Wanst“ 🙂

The show must go on

Ein wunderschöner Sommerabend, das perfekte Wetter für eine Gartenparty, und so sind leider nicht so viele Gäste da. Die traute Atmosphäre hat den Vorteil, dass wir mehr Mut haben zu experimentieren und uns auch nicht vorbereitete Songs wagen. Überraschung des Abends ist Petras Version von BAPs „Verdammt lang her“. Wir können es gar nicht glauben, dass sie diesen Song nie geübt hat. Woher hat sie nur diesen perfekten Dialekt? Und diesen Sound in der Stimme, der so super zu ihr passt? Auch mit den NDW-Klassikern verbreitet sie eine solche Party-Stimmung, dass es niemanden mehr auf den Stühlen hält.

Caro vertritt heute abend eher die Soul/Disco-Sparte und bezaubert uns mit einer gleichermaßen großartigen Tanz- und Gesangsperformance bei „I will survive“. Naja, und da wir unter uns sind, trau ich mich, meine Stimmungskiller auszupacken, die melancholischen Trip-Hop-Klassiker mit den einminütigen Intros. (Zur nächsten Open Stage bring ich dann aber was Schwungvolleres mit, versprochen!) Trotz des Mini-Publikums und des musikalischen Wechselbades ein toller Abend, finden wir und bereiten uns seelisch auf den Sonntag vor.

Sommer, Sonntag, Sauerstoff

Der beginnt gleich mit zwei schönen Überraschungen: Matthias stößt zu uns und wir haben einen Raum mit Fenster! Beides ist auch bitter nötig, denn auf dem Programm steht – wer hätte es gedacht – Einatmung und Trainingston. Das Fenster sorgt für Sauerstoff und Matthias für Gelächter, so dass die tiefe Einatmung klappt und die Halsmuskulatur schön locker bleibt. Im Gänsemarsch geht es quer durch den Raum, während wir allerlei scheinbar bekloppte Phrasen krähen. Es ist nun gefühlt das 500ste Mal, dass ich das trainiere – und jedesmal lerne ich wieder was Neues. Der Groschen, der diesmal mit vernehmlichem Gepolter fällt: Trainingston ist Trainingston – hat aber im Gesang selbst nicht unbedingt was zu suchen.

Caro und der Trainingston

Caro und der Trainingston

Über den Dächern Stuttgarts

Über den Dächern Stuttgarts

Dann scheint jedoch der Sauerstoff irgendwann aufgebraucht zu sein oder die Sommerhitze hat mein Hirn ausgedörrt, jedenfalls erinnere ich mich nur noch schemenhaft an den Nachmittag: Queen revisited – Matthias darf seinen Queen-Song nachtragen, und wir experimentieren mit der Stimmlage. Am Ende hat jeder noch einen Song – und dann ist Halbzeit in der Sängerausbildung. Nicht zu fassen!

Snapchat-Story: Gesangsausbildung Stuttgart – Teil 3

Zum Abschluss natürlich noch – frisch für Euch destilliert – meine Quintessenz des 3. Ausbildungswochenendes:

  • Nicht zu vorsichtig sein (im Leben wie bei Singen) – sonst verpasst man das Beste!
  • Ohne Message nützt dem Publikum der schönste Song nix!
  • Und: Steffi, Janina, Celina: Ihr habt etwas verpasst!

Bis bald, eure Fenja 🙂

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Anne-Katrin Hillebrand

Hallo, ich bin Fenja und seit Mai 2016 Sängerin in Ausbildung bei POWERVOICE. Will man meiner Mutter glauben, war "Krach" mein allererstes Wort, und dementsprechend bin ich musikalisch im Industrial/Noise zuhause. In dieser Szene habe ich einige Jahre als DJ aufgelegt und als Frontfrau eines Projektes meine Texte ins Mikro gebrüllt. Da mich Vorhersehbarkeit langweilt, habe ich parallel noch klassischen Gesangsunterricht genommen, war Sängerin einer Dark-Rock-Band und bin schließlich bei POWERVOICE gelandet. Hoffentlich lerne ich hier nun endlich das Singen 😉 Da ich gern schreibe und blogge, hat man mich als Chronistin auserkoren, und ich hoffe, Ihr habt Spaß an meinen Impressionen von unserer Ausbildung.

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